In seinem Buch „Wie konnte das geschehen? Deutschland 1933 bis 1945. Thesen und Rezeption“ hat der Historiker Prof. Dr. Götz Aly die gesellschaftlichen Grundlagen der nationalsozialistischen Herrschaft in den Mittelpunkt gestellt. Im Würzburger Stadtarchiv hat er nun Buch und Thesen vorgestellt. Die Veranstaltung fand in einer Kooperation des Würzburger Stadtarchivs mit dem Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg statt.
Aly widersprach in seinem Vortrag der verbreiteten Vorstellung, die Verbrechen des Nationalsozialismus seien vor allem das Werk weniger fanatisierter Eliten gewesen. Stattdessen richtete er den Blick auf die deutsche Gesellschaft als Ganzes. Der Nationalsozialismus habe nicht nur auf Terror und Propaganda beruht, sondern auf einer breiten sozialen Zustimmung. „Ich gehe davon aus, dass die Menschen damals nicht unmoralischer und nicht weniger intelligent waren als wir heute“, sagte er. Die entscheidende Frage sei vielmehr, wie es gelungen sei, innerhalb kürzester Zeit eine Gesellschaft zur Mitwirkung an Krieg und Massenmord zu bewegen.
Diese Zustimmung – so Aly – sei teilweise erkauft worden – durch materielle Vorteile, soziale Aufstiegschancen und das Versprechen von Gleichheit innerhalb der „Volksgemeinschaft“. Dazu kam auch der enorme Bildungs- und Aufstiegswille einer jungen Generation vor 1933, die durch Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit jäh enttäuscht worden sei. Die Nationalsozialisten seien selbst auffallend jung gewesen und hätten genau diese Erwartungen aufgegriffen.
In seiner Analyse machte Aly deutlich, dass viele Menschen von der Politik des Regimes profitiert hätten: Durch Steuererleichterungen, staatliche Sozialleistungen oder durch Waren- und Konsumgüter, die zunehmend für breite Schichten verfügbar wurden. Gleichzeitig profitierte eine Minderheit direkt von der Verfolgung und Enteignung jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Diese Verknüpfung von sozialer Politik und Gewalt sei ein Grund dafür gewesen, dass viele Mitbürger nicht nur tolerierten, sondern in Teilen auch aktiv mitwirkten.
Auch im Krieg habe das Regime Zustimmung nicht allein durch Repression gesichert, sondern durch soziale Absicherung: Lebensmittelrationen wurden streng, aber vergleichsweise gerecht verteilt, Familien von Soldaten erhielten bis zu 90 Prozent des letzten Nettolohns, Renten wurden erhöht – finanziert, wie Aly offen benannte, durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern. „Wenn jemand bezahlt, den man nicht kennt und der nicht dazugehört, dann fragen die Leute nicht“, so Aly.
Anders als eine bloße moralische Anklage zielte der Historiker auf eine analytische Rekonstruktion der sozialen Mechanismen ab, die den Nationalsozialismus erst möglich gemacht hätten. Gerade darin lag die Wirkung seines Vortrags, der deutlich machte, dass die Frage nach dem historischen „Wie“ nicht losgelöst von gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen verstanden werden könne.
Bild: Historiker Götz Aly bei seinem Vortrag im Würzburger Stadtarchiv. Foto: Christian Weiß
