Bürgermeister Joachim Spatz würdigt Přemysl Pitter als Vorbild für Humanität und Versöhnung
Mit einer Würdigung des tschechischen Humanisten und Versöhners Přemysl Pitter hat Bürgermeister Joachim Spatz die Ausstellung „Europäischer Humanist Přemysl Pitter“ im Oberen Foyer des Würzburger Rathauses eröffnet. Die Wanderausstellung der Ackermann-Gemeinde und des Institutum Bohemicum zeichnet das Leben und Wirken Pitters nach und erinnert an seinen außergewöhnlichen Einsatz für Menschlichkeit, Menschenrechte und Völkerverständigung.
Bürgermeister Joachim Spatz begrüßte die Gäste zur Ausstellungseröffnung und dankte insbesondere der Ackermann-Gemeinde und dem Institutum Bohemicum für die Konzeption und Durchführung der Ausstellung. Ebenso würdigte er das Engagement des Vorstands der Würzburger Ackermann-Gemeinde um Thomas Reinelt, der Würzburger Geschäftsstelle im Kilianeum und der Diözese Würzburg, die die Ausstellung unterstützt.
„Das Würzburger Rathaus bietet für diese Ausstellung einen passenden Ort“, betonte der Bürgermeister. Im Oberen Foyer könnten Bürgerinnen und Bürger aus Würzburg und der Region ein bedeutendes Kapitel europäischer Erinnerungskultur kennenlernen und miteinander ins Gespräch kommen. Gerade Würzburg, das selbst die Zerstörungen und tiefen Wunden des Zweiten Weltkriegs erfahren habe, fühle sich der Versöhnung und der Völkerverständigung in besonderer Weise verpflichtet.
In seinem Grußwort stellte Joachim Spatz die außergewöhnliche Haltung Přemysl Pitters heraus. Pitter habe nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in einer von Hass, Rache und Nationalismus geprägten Zeit nicht nach Schuld, Herkunft oder Nationalität gefragt, sondern nach dem Leid des einzelnen Menschen.
Besonders beeindrucke sein Einsatz für Kinder. Mit seinen sogenannten „Schloss-Kinder“-Aktionen rettete und versorgte Pitter Hunderte jüdische Kinder, die die Konzentrationslager überlebt hatten, ebenso wie deutsche Kinder aus Internierungslagern. In mehreren Schlössern richtete er Kinderheime, Waisenhäuser und Erholungsstätten ein und organisierte zudem Evakuierungen und Rückführungen.
„Přemysl Pitter sah nicht zuerst den Deutschen, den Tschechen oder den Juden – er sah das Kind in Not“, machte Bürgermeister Spatz deutlich. Damit habe Pitter unmittelbar nach dem Krieg ein außergewöhnlich mutiges Zeichen für deutsch-tschechisch-jüdische Versöhnung gesetzt. Zu einem Zeitpunkt, als die Gräben zwischen den Menschen noch tief gewesen seien, habe er mit seinem Handeln gezeigt, dass Menschlichkeit Grenzen überwinden könne. „Pitter war ein Humanist der Tat“, so Joachim Spatz.
Spatz unterstrich zugleich die Bedeutung von Pitters Lebenswerk für die Gegenwart. Humanismus und Menschenrechte seien keine Selbstverständlichkeit, sondern erforderten jeden Tag eine klare Haltung. Angesichts neuer Herausforderungen in Europa, gesellschaftlicher Spaltungen und zunehmender Tendenzen an den politischen Rändern könne Pitters Beispiel Orientierung geben.
„Pitter zeigt uns: Der Brückenbau beginnt immer mit der Empathie für den einzelnen Menschen“, sagte der Bürgermeister. Gerade heute brauche Europa Menschen, die aufeinander zugingen, Unterschiede aushielten und Verständigung suchten.
Spatz verwies auch auf die langjährigen Verbindungen Würzburgs nach Böhmen. Trutnov ist seit 2008 offizielle Partnerstadt Würzburgs und bereits seit 1965 Patenstadt. Seit Jahrzehnten pflegen beide Städte enge Kontakte. Gegenseitige Besuche von Delegationen und Schulklassen sowie zahlreiche persönliche Begegnungen hätten eine lebendige Verbindung zwischen Würzburg und Böhmen geschaffen. „Diese Begegnungen zeigen, wie Völkerverständigung ganz konkret funktioniert. Ein geeintes Europa lebt nicht nur von politischen Verträgen, sondern vor allem von den Menschen, die aufeinander zugehen“, so Spatz.
Bürgermeister Spatz lud die Bürgerinnen und Bürger sowie Schulen aus Würzburg und der Region dazu ein, die Ausstellung zu besuchen. Sie könne dazu beitragen, Pitters Lebenswerk kennenzulernen und über die eigene Verantwortung für ein friedliches und geeintes Europa nachzudenken.
„Ich wünsche der Ausstellung viele gute Begegnungen, nachdenkliche Momente und einen lebendigen Dialog über unsere gemeinsame europäische Verantwortung“, schloss Spatz.
Auch Thomas Reinelt, Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde im Bistum Würzburg, würdigte das Wirken Přemysl Pitters – als Christ, Humanist, Pazifist und Pädagoge.
Besonders beeindruckend sei Pitters Handeln in den Monaten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gewesen: „1945, als Europa noch unter den Folgen des Krieges litt, kümmerte sich Pitter um jüdische Kinder, die die Konzentrationslager überlebt hatten. Viele von ihnen waren Waisen, traumatisiert und gesundheitlich schwer geschädigt.“ Die außergewöhnliche Größe Pitters zeigte sich als er auch das Leid deutscher Kinder in den Internierungslagern sah und ihnen Schutz und Betreuung in den sogenannten „Schlössern“ bot. „Pitter entschied sich für Menschlichkeit.“
Thomas Reinelt zog die Verbindung zur Ackermann-Gemeinde, die auf 80 Jahre ihres Bestehens zurückblicken kann; der Diözesanverband Würzburg vollendet diese im nächsten Jahr. Am 13. Januar 1946, also nur wenige Monate nach Kriegsende, gründeten in München Menschen die Ackermann-Gemeinde. „Die Fragen, mit denen die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg konfrontiert waren, sind keineswegs vergangen,“ so Reinelt, „Wie kann aus Feindschaft wieder Nachbarschaft werden?, Wie kann aus erlittenem Unrecht ein Weg zur Versöhnung entstehen? Wie können Menschen nach Krieg, Gewalt, Vertreibung und Schuld wieder miteinander leben?“
Von Anfang an wurde die Versöhnung zu einem zentralen Anliegen der Ackermann-Gemeinde. Pitter hat vorgelebt, dass Versöhnung nicht heißt, Geschichte zu vergessen, Schuld zu verschweigen oder Unrecht kleinzureden, sondern vielmehr, die Wahrheit auszuhalten, auch dort wo sie schmerzt, und trotzdem den Menschen auf der anderen Seite nicht für immer zum Feind zu machen.
Auch Reinelt betonte den Bezug zur heutigen Zeit und ihren Herausforderung: „Wir leben heute in einer Zeit, in der wieder viel über Grenzen gesprochen wird. Über nationale Interessen, über Zugehörigkeit, über Fremdheit. In Europa erleben wir erneut Krieg, und auch innerhalb unserer Gesellschaften nehmen Spannungen und Polarisierungen zu.
Gerade deshalb ist die Erinnerung an Přemysl Pitter so wichtig.
Die Ausstellung „„Europäischer Humanist Přemysl Pitter““ kann noch bis zum 29. September im Oberen Foyer des Rathauses besichtigt werden. Die Öffnungszeiten sind: Montag bis Donnerstag von 8.00 – 18:00 Uhr, Freitag von 8:00 – 13:00 Uhr.
Das Obere Foyer ist barrierefrei erreichbar. Der Eintritt ist frei.

Würdigung des europäischen Humanisten Přemysl Pitter. V.l.n.r.: Martina Bachmann (stellv. Vorsitzende der Ackermann-Gemeinde Würzburg), Hans-Peter Dörr (Ehrenvorsitzender und langjähriger Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde Würzburg), Thomas Reinelt (Vorsitzender der Ackermann-Gemeinde im Bistum Würzburg), Bürgermeister Joachim Spatz.
