Turgut Sezgin gehört als Vater von drei Kindern und Großvater eines Enkelkindes zu den türkischen Unternehmern in Deutschland, die der Familie, den kulturellen Werten und der Bewahrung der nationalen Identität eine besondere Bedeutung beimessen. Migration ist für ihn nicht lediglich die Suche nach wirtschaftlichem Wohlstand, sondern zugleich eine gesellschaftliche Verantwortung, die kulturelle Erinnerung, historisches Bewusstsein und nationale Identität an die kommenden Generationen weiterzugeben. Deshalb betrachtet er es als eines seiner wichtigsten Lebensziele, dass seine Kinder sich in die deutsche Gesellschaft integrieren und zugleich ihre enge Verbindung zur türkischen Kultur bewahren.
Sezgins gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein zeigt sich besonders in seinem Umgang mit jungen Menschen. Er verfolgt aufmerksam die Bildungs- und Berufswege der Türken in seinem Umfeld und empfiehlt jungen Menschen, ihre Ausbildung erfolgreich abzuschließen, einen qualifizierten Beruf zu erlernen und ihre kulturellen Wurzeln nicht zu vergessen. Nachhaltiger Erfolg ist seiner Auffassung nach nur durch ein ausgeprägtes Identitätsbewusstsein, Ehrlichkeit und gefestigte moralische Werte möglich.
Die Geschichte seiner Migration nach Deutschland im Jahr 1994 weist bemerkenswerte Einzelheiten auf. Der Fußballverein Fenerbahçe, dem er sich bereits seit seiner Kindheit eng verbunden fühlte, spielte an einem entscheidenden Wendepunkt seines Lebens eine bedeutende Rolle. Als Sezgin Schwierigkeiten hatte, ein Visum für Deutschland zu erhalten, wurde er mit Unterstützung des damaligen Fenerbahçe-Kapitäns Tanju Çolak in die Mannschaftsdelegation aufgenommen und konnte im Rahmen eines Gruppenvisums nach Deutschland einreisen. Obwohl inzwischen mehr als drei Jahrzehnte vergangen sind, erinnert er sich bis heute mit großer Dankbarkeit an diese Unterstützung: „Nichts im Leben geschieht ohne einen Grund. Wenn Deutschland in meinem Schicksal vorgesehen war, dann hatten Fenerbahçe, dem ich seit meiner Kindheit verbunden bin und unser Kapitän Tanju Çolak einen großen Anteil daran. Ich hatte erhebliche Schwierigkeiten, ein Visum zu erhalten. Als die Mannschaft nach Deutschland reiste, nahmen sie mich in die Delegation auf und so konnte ich mit einem Gruppenvisum einreisen. Ich war derjenige, um den es ging, doch die Idee stammte von Tanju Çolak. Ich bin nicht Fenerbahçe-Anhänger geworden, um nach Deutschland kommen zu können. Unsere Familie ist bereits seit mehreren Generationen mit Fenerbahçe verbunden. Diese Hilfe werde ich mein Leben lang nicht vergessen.“
Seine Einreise nach Deutschland mit der Delegation von Fenerbahçe wurde zum Beginn eines langjährigen Weges, der von Anstrengung, Herausforderungen und Erfolg geprägt war. Die Arbeitsdisziplin und die geordnete Lebensweise in Deutschland beeindruckten ihn, doch schon bald war er mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Anpassungsproblemen konfrontiert. Dennoch machte er Fleiß, Ehrlichkeit und Produktivität zu seinen wichtigsten Grundsätzen. Von den untersten Stufen ausgehend gelang es ihm, für seine Familie und sein Berufsleben eine stabile Zukunft aufzubauen.
Nach dem Abschluss der weiterführenden Schule in der Türkei hatte Sezgin ursprünglich ein Universitätsstudium angestrebt. Auch nach seiner Ankunft in Deutschland wollte er an diesem Ziel festhalten, doch die Lebensumstände veränderten seine Pläne. Dass er dennoch niemals aufgab, beschreibt er mit folgenden Worten: „Nachdem ich in der Türkei die Schule abgeschlossen hatte, wollte ich studieren. Auch als ich nach Deutschland kam, bestand mein Traum darin, hier ein Hochschulstudium aufzunehmen. Doch das Leben stellte mich vor völlig andere Bedingungen. Ich habe niemals aufgegeben und ganz unten begonnen. Es gab Menschen, die mir vertrauten. Sie sagten: ‚Nur zu, Turgut‘ und öffneten mir damit Türen. Solange man selbst aufrichtig bleibt, können schlechte Menschen einem nichts anhaben.“
Diese Haltung bildet nicht nur die Grundlage seines beruflichen Erfolgs, sondern prägt auch seine Sicht auf zwischenmenschliche Beziehungen. Sezgin ist überzeugt, dass Ehrlichkeit, Vertrauen und Verlässlichkeit zu den wichtigsten Voraussetzungen für Erfolg gehören. Menschen beurteilt er nicht nach ihrer Nationalität, sondern nach ihrem Charakter und ihrem Verhalten. Seine Überzeugung fasst er folgendermaßen zusammen: „Ich unterscheide nicht zwischen einem guten Deutschen, einem guten Türken, einem schlechten Russen oder einem schlechten Chinesen. Für mich gibt es Menschen mit einem gefestigten Wesen und solche, bei denen dieses Fundament fehlt. Bevor man andere beurteilt, muss man zunächst sich selbst verbessern. Ein guter Mensch lebt nach seinem Gewissen, handelt gerecht, ist ehrlich, mitfühlend und vertrauenswürdig und misst dem Teilen sowie der Übernahme von Verantwortung große Bedeutung bei.“
Diese Worte zeigen, dass Sezgin Migration und gesellschaftliches Zusammenleben nicht allein aus der Perspektive ethnischer Identitäten betrachtet, sondern auf der Grundlage universeller moralischer Prinzipien. Vertrauensvolle Beziehungen zwischen unterschiedlichen Gesellschaften können seiner Auffassung nach nur durch Ehrlichkeit, gegenseitigen Respekt, Verantwortungsbewusstsein und gesellschaftliche Solidarität entstehen. Mit Blick auf die Zukunft Deutschlands vertritt Sezgin eine zurückhaltend-kritische Position. Er ist der Ansicht, dass sich das Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren verlangsamt habe, der Binnenmarkt an Dynamik verliere und das Land eine neue wirtschaftliche Vision benötige. Demgegenüber betont er, dass die Türkei trotz globaler Krisen ihre Produktionsfähigkeit und ihr Wachstumspotenzial bewahrt habe und langfristig über bedeutende wirtschaftliche Vorteile verfüge.
Die Beziehungen zwischen der türkischen und der deutschen Wirtschaft betrachtet Sezgin gesellschaftlich wie wirtschaftlich als strategische Notwendigkeit. In diesem Zusammenhang sieht er in der DTGB – Deutsch-Türkischer Gewerbebund eine bedeutende institutionelle Perspektive. Seine Entscheidung, den Vorsitz der Vereinigung zu übernehmen, wurde von dem Ziel getragen, die Zusammenarbeit türkischer Unternehmer auszubauen, die wirtschaftliche Solidarität zu stärken und die Handelsbeziehungen auf eine institutionelle Grundlage zu stellen. Sezgin, der in der türkischen Gemeinschaft als „Turgut Abi“ bekannt ist, übernimmt mit seinen Erfahrungen, Ratschlägen und Einschätzungen zugleich eine orientierende Funktion. Solidarität, Bildung und eine qualifizierte Berufsausbildung betrachtet er als unverzichtbare Voraussetzungen für den Erfolg der kommenden Generationen: „Mein wichtigster Rat an die türkische Gemeinschaft lautet: Gebt euren Kindern eine gute Bildung, arbeitet ehrlich, erlernt einen Beruf und bewahrt eure kulturelle Identität. Erfolg besteht nicht in einem auf schnellem Wege erworbenen Vermögen, sondern in einem Leben, das auf Vertrauen, eigener Arbeit und moralischen Grundsätzen beruht. Das wahre Kapital einer Nation sind gut ausgebildete Menschen mit Charakter.“
Sezgins Lebensgeschichte ist ein bedeutendes Beispiel für den Weg türkischer Unternehmer, die sich in Deutschland aus eigener Kraft eine erfolgreiche Existenz aufgebaut haben. Seine Haltung zu Migration, Unternehmertum, familiärer Verantwortung, der Bewahrung kultureller Identität, gesellschaftlichem Engagement und universellen menschlichen Werten stellt nicht nur eine individuelle Erfolgsgeschichte dar. Sie ist zugleich ein wertvolles Oral-History-Zeugnis, das wichtige Einblicke in die Entwicklung der türkischen Gemeinschaft in Deutschland während der vergangenen drei Jahrzehnte vermittelt.


