Ausstellung über Wohnungslose im Nationalsozialismus: Erst heute sind sie als Opfer anerkannt

Foto: Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Benita Stolz vom AK Stolpersteine. Text und Foto: Claudia Lother Foto: Oberbürgermeister Christian Schuchardt und Benita Stolz vom AK Stolpersteine. Text und Foto: Claudia Lother

Wohnungslose, Arbeitslose, Bettler, Suchtkranke, Vorbestrafte und Prostituierte wurden in Deutschland ab 1933 ausgegrenzt, inhaftiert, vernichtet. Die Nationalsozialisten unterstellten, dass soziale Probleme und Verbrechertum erblich seien und „Minderwertige, Gemeinschaftsfremde und Asoziale“ der Allgemeinheit zur Last fallen. Sie behaupteten, Bettler seien bessergestellt als die „Anständigen“. „Vernichtung durch Arbeit“ war daher das Ziel, dem vornehmlich Männer ohne Familie zum Opfer fielen. „Wir konnten Einblick in die Gestapoakten des Staatsarchivs nehmen“, berichtete Inge Kaesemann vom Arbeitskreis Stolpersteine bei der Eröffnung der Wanderausstellung „Wohnungslose im Nationalsozialismus“, „um dieser Ausstellung Würzburger Fälle hinzuzufügen.“ Sie fanden dabei nur Männer. Zum einen, weil es weniger Straftäterinnen als Straftäter gab, zum anderen, da Frauen die Aufgabe hatten, für die Familie da zu sein. „Wenn es Fälle gab, dann waren es Prostituierte.“ Die Ausstellung gibt darüber Aufschluss, wie diese als „asozial“ eingestuften Menschen ab 1934 zwangssterilisiert und ab 1938 in Konzentrationslager verschleppt wurden. Razzien in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt und dem Wohlfahrts- und Fürsorgeamt hatten zum Ziel, diese arbeitsfähigen Menschen einerseits aus dem „Volkskörper auszumerzen“, andererseits sie als dringend benötigte Arbeitskräfte einzusetzen, bis zu ihrer Vernichtung. „Diese Verfolgung und Vernichtung war Teil der Rassenpolitik des NS-Staates. Was damals geschehen ist, ist ein Schulbeispiel dafür, welche unfassbaren Gräuel drohen, wenn in einer Gesellschaft der Respekt vor der Menschenwürde verlorengeht. Wo Gerechtigkeit verloren geht, geht auch Menschenwürde verloren, weil Respekt nicht mehr einforderbar ist“, zeigte Oberbürgermeister Christian Schuchardt bei der Vernissage auf und fügte hinzu. „Dass die sogenannten ‚Asozialen‘ erst vor zwei Jahren vom Bundestag offiziell als NS-Opfer anerkannt wurden, ist Ausdruck einer historischen Kontinuität, die zu denken gibt. Wir müssen uns fragen, welche Personen heute als ‚asozial‘ stigmatisiert und in der Folge diskriminiert und ausgegrenzt werden. Und was können wir als (Stadt)-Gesellschaft und jeder einzelne dagegen tun.“

Die Wanderausstellung „Wohnungslose im Nationalsozialismus“ der BAG Wohnungslosenhilfe e.V. greift die Themen Weltwirtschaftskrise, Bettlerrazzia 1933, Arbeitshäuser, Zwangssterilisation, „Aktion Arbeitsscheu Reich“, „Asozial ins Konzentrationslager“ und weitere Themen auf. Der Arbeitskreis Stolpersteine ergänzt sie durch eigene Recherchen über Würzburger Opfer. Experten können die Zahl der Bettler und Landstreicher, die ab 1938 in Konzentrationslager eingeliefert wurden, nicht feststellen. Sie schätzen aber, dass über 10.000 „asoziale“ Häftlinge in Ost- und Westdeutschland von Entschädigungszahlungen ausgeschlossen blieben. Erst in den letzten Jahren gab es in einigen Bundesländern Entschädigungszahlungen über Härtefallregelungen. Für die Überlebenden dürfte dies in der Regel zu spät gewesen sein, das durchschnittliche Geburtsjahr der 1938 bei der „Aktion Arbeitsscheu Reich“ Verhafteten war 1900.

Schirmherrin der Ausstellung im Oberen Foyer des Rathauses der Stadt Würzburg ist Sozialreferentin Dr. Hülya Düber. Im Rahmen der Ausstellungen finden Führungen statt und die Aufführung des Ein-Mann-Stücks „Monolog mit meinem asozialen Großvater“ mit Harald Hahn speziell für Schülerinnen und Schüler.

 

Die Termine für Führungen:

Mo, 30. Mai 8:00-13:00 Uhr

Di, 31. Mai 8:00 -13:00 Uhr

Mi, 1. Juni 8:00-13:00 Uhr

Do, 2. Juni 8;00-13:00 Uhr

Fr, 3.Juni 8:00-12:00 Uhr

Mo, 20. Juni 8:00 bis 13:00 Uhr

Di, 21. Juni 8:00-13:00 Uhr

Mi, 22.Juni 8:00-12:00 Uhr

 

Die Ausstellung ist zu sehen bis einschließlich Mittwoch, 22. Juni, Vormittag, zu den Öffnungszeiten des Rathauses Montag bis Donnerstag 8 bis 18 Uhr und Freitag 8 bis 13:30 Uhr. Mehr Informationen beim AK Stolpersteine unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Last modified on Freitag, 27 Mai 2022 10:29
Aytürk

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