Memorium erwirbt Zeichnungen von Henri Pelletier

Memorium erwirbt Zeichnungen von Henri Pelletier
Das Memorium Nürnberger Prozesse hat zum Jahresende 2021 mehr als 60 originale Kohlezeichnungen und Skizzen von Beteiligten des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses erworben. Es sind Werke des Franzosen Henri Pelletier, der sie vermutlich in direkter Anschauung während des 1945 und 1946 abgehaltenen Militärgerichtsverfahrens schuf.
 
Belegt ist, dass die Zeichnungen bereits zur Zeit des Prozesses entstanden sind, denn sie wurden vom Künstler 1946 unter dem Titel „Le Procès de Nuremberg“ in Paris als Blattsammlung im Druck veröffentlicht. Ein besonderes Glück ist, dass der Nürnberger Unternehmer Lars Stiefvater dem Memorium bereits 2020 die gedruckte Ausgabe, der die Zeichnungen als Vorlage dienten, als Schenkung zugedacht hat. Somit vereinen sich, 75 Jahre nach Urteilsverkündung, künstlerische wie publizistische Ergebnisse der Pelletierschen Dokumentation am historischen Ort.
 
Bezeichnend ist, dass Pelletier nicht nur allseits bekannte Prozessbeteiligte in den Blick nahm. Seine Aufmerksamkeit galt beispielsweise auch einer Gruppe, die sowohl die filmische als auch die publizistische Repräsentation des Prozesses eher nachrangig behandelt: die deutschen Verteidiger, von denen er manche gleich mehrmals festhielt. Zudem gewähren seine Porträts einen spezifisch „französischen Blick“ auf den Prozess. Vor allem Zeugen aus Frankreich geraten in den Fokus, besonders ausgearbeitet ist die Zeichnung des französischen Chefanklägers Auguste Champetier de Ribes. Dem Künstler gelingt es in seinen Arbeiten, typische Körperhaltungen und Wesenszüge der Porträtierten einzufangen. Bisweilen, wie bei dem Angeklagten Hermann Göring, sind die Zeichnungen psychologisierend angelegt. Manchmal halten sie bestimmte Momente fest: Ein Blatt trägt den Vermerk „Goering bei der Vorführung der Gräueltaten“. Insgesamt zeigen die Werke ein hohes zeichnerisches Niveau.
 
Der Leiter des Memoriums Nürnberger Prozesse, Priv.-Doz. Dr. Imanuel Baumann, ist äußerst angetan von den Kunstwerken: „Zeichnungen von Prozessbeteiligten sind uns heute allgemein vertraut, weil das Fotografieren und Filmen während einer Gerichtsverhandlung verboten ist. Bei dem ‚Internationalen Militärtribunal‘ war das jedoch ganz anders: Die Alliierten haben ja von Anfang beabsichtigt, die Weltöffentlichkeit über den ‚Hauptkriegsverbrecherprozess‘ fotografisch und filmisch zu unterrichten. Deshalb sind heute nicht die Fotografien, sondern die überlieferten Zeichnungen zum Prozess das Besondere. Daher bemisst sich auch ihr Wert nicht alleine im Dokumentarischen: Die Freizeichnungen von Henri Pelletier sind gleichsam auch Charakterstudien, die Deutungsräume eröffnen.“
 
Dr. Thomas Eser, Direktor der Museen der Stadt Nürnberg, sieht den Ankauf mit einer behutsamen Neujustierung der Aufgaben von Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände und Memorium Nürnberger Prozesse verbunden: „Wir werden unsere beiden städtischen Häuser der Erinnerungskultur mehr zu Sammlungen dinglicher und bildlicher Quellen zu ihren Themenfeldern ausbauen. Denn für die Erneuerung der Dauerpräsentationen werden wir solche neuen Exponate benötigen. Generell geht die erinnerungskulturelle Vermittlungspraxis wieder hin zu ‚Originalen‘, seien sie künstlerischer oder sonstiger medialer Qualität, da Originale eine eigene Aussagekraft in der Vermittlung besitzen.“
 
Die Zeichnungen des Künstlers liefern dem Memorium Nürnberger Prozesse in den kommenden Jahren wichtige Ansätze für künftige Ausstellungskonzeptionen. Das Memorium dankt dem Antiquariat La 42ème Ligne, Joellë Cantin und Serge Wasersztrum dafür, dass sie dem Memorium die Werke angeboten haben, und Lars Stiefvater für seine Schenkung. qui

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